Tausend Dinge schießen ihm die ganze Zeit durch den Kopf. Kopfschmerzen. Die Ohren pfeifen. Das Herz rast.

>> Warum tue ich mir das an? <<

Er konnte nicht nein sagen. Zu oft hatte er allen immer nur helfen wollen, dort noch einen Gefallen, da noch eine Unterstützung. Gedankt wurde es am Ende von den wenigsten.

Und die Konkurrenz? Die rubelte ab.

Das konnte er nicht, das entsprach nicht seiner Lebensanschauung. Vielleicht hätte er doch eine Karriere bei der Heilsarmee anfangen sollen und nicht als Detektiv.

Jeden Tag wurde er mit dem Leid und den Problemen anderer konfrontiert. Sei es ein fremdgehender Partner, der diebische Angestellte oder ein Stalker, die meisten Sachen waren lösbar, nur eben das Leid des Betroffenen, das konnte er nicht lindern. Das blieb, immer auch ein kleiner Teil bei ihm.

Er schaute auf sein Telefon.  >>… schon wieder anonym…<<

Immer wieder gibt es diese Anrufe, diese anonymen, wahrscheinlich, weil viele Kunden sich scheuten ihre Identität preiszugeben, möglicherweise aus Scheu oder Scham oder vielleicht auch aufgrund schlechter Erfahrungen.

Und wieder ging er ans Telefon. >> Ja, bitte? <<

Da man nie wusste, wer am anderen Ende des Telefons war, war dies die allgemeine Begrüßung in solchen Fällen. Auch hier gab es immer wieder „merkwürdige“ Anrufer, die unter Vorwand verschiedene Äußerungen tätigten, wobei es ihm, dem Detektiv, bereits in der ersten Antwort auffiel, ob jemand wirklich wegen eines Problems anrief oder doch nur ein „Fake“ war. Die „merkwürdigen Anrufer“ waren meist andere Detektive, die prüfen wollten, welche Kosten für seine Ermittlungen entstanden oder ob er rechtswidrige Dinge tun würde, um einen Fall zu klären.

Er wartete. Der anonyme Anrufer antwortete nicht. >>… Teilnehmer? << Nach 30 sekündigem Warten legte er auf.

Merkwürdig.

Sicher, in 2 von 10 Fällen eines anonymen Anrufes gab es nun mal keine Antwort.

Er schaute auf seinen Schreibtisch. Voll. Berichte, Rechnungen, Briefe. Alles. Das musste warten.

5 Minuten später saß er im Auto, auf dem Weg zu einem Kunden, wieder wegen einer Kindschaftssache. Die Kopfschmerzen ließen nach, die IBO 600 wirkten.

Das Treffen fand wie immer an einem diskreten Ort statt, irgendwo im nirgendwo.

Er bestellte sich einen Kaffee, während des Wartens beantwortete er noch schnell einige Mails am Laptop.

Eine halbe Stunde später betrat die Frau das Cafè.

>> … ich höre ihnen zu… >> sagt er, nachdem sie sich begrüßt hatten.

>> Ich weiß nicht wie ich anfangen soll. <<

>> Da sie mir das Problem schon grob am Telefon geschildert haben, kann ich ihnen auch Fragen stellen, dann ist es vielleicht leichter für sie? <<

Sie nickte.

Er fragte. Sie antwortete.

Normalerweise hörte er sich erst das Problem an und fragte dann speziell nach dem, was er für seine Ermittlungen brauchte. Solche Gespräche konnten bei schwierigen Sachen schon mal zwei bis drei Stunden Zeit in Anspruch nehmen.

>> … waren sie mit dem Kind beim Arzt? <<

Natürlich war sie das. Er schrieb alles sehr säuberlich in sein Notizbuch, um es später in einen Ermittlungsbericht übernehmen zu können. Es waren am Anfang nur Informationen und ausgesprochene Verdachtsmomente, die noch wenig Beweiskraft hatten. Doch auch hier war jedes Detail wichtig und konnte später die Lösung des Falles bedeuten.

>> Warum waren Sie nicht bei der Polizei? <<

Sie war bei der Polizei, hatte auch dort alles erzählt. Hinweise und Aussagen wurden aufgenommen. Das Verfahren wurde eingestellt.

>> Die haben einfach nichts gemacht… << sagte sie.

>> Das glaube ich nicht. In solchen Fällen ist die Polizei meist sehr genau. <<

Betroffene und Geschädigte kamen oft zum Ergebnis, dass die Behörden nichts taten. Dann kamen sie zu einem Detektiv, der die Ermittlungen beschleunigen sollte. Schwierig war diese Konstellation bei schwerwiegender Kriminalität, da sich die Ermittlungen überschneiden konnten und der Detektiv aufpassen musste, nicht die Arbeit der Polizei zu behindern oder zu zerstören.

Was die meisten nicht mit in die Überlegungen einbezogen, war die Tatsache, dass die Polizei nicht einfach in einer Wohnung beobachten konnte, im Kinderzimmer, in der Nacht.

Niemand konnte das. Aus diesem Grund gab es die große Dunkelziffer.

>> Gut. Die Informationen sind für mich erstmal ausreichen. Ich werde die ganze Sache jetzt erstmal analysieren, um ihnen sagen zu können, ob und wie ich ihnen helfen kann. <<

Er war an der Lösung interessiert. Einem Kunden irgendwas zu versprechen, nur um ein paar Taler zu verdienen, das war ihm nichts, obgleich er das verkäuferische Talent der Mitbewerber kannte, die Betroffenen alles erzählten, um ihre Umsätze zu steigern.

>> Nichts ist unlösbar, aber in ihrem Fall wird es nicht leicht. Die Polizei hat meines Erachtens alles getan. Das Gutachten des Arztes ist nicht eindeutig, dort müsste man nochmal nachfragen. Am besten wäre es natürlich, wenn ich mit dem Kind reden könnte. Das wird allerdings schwierig, da ER ja dann zustimmen müsste…. <<

Der Detektiv verabschiedete sich, nachdem er ihr gesagt hatte, es würde zwei bis drei Tage dauern, ehe er ihr eine Antwort geben würde.

Natürlich, je schneller desto besser für das Kind. Aber die Sache zog sich ja schon über 3 Jahre. Alle hatten sich daran versucht, die Polizei, das Jugendamt, Psychologen, auch schon andere Detektive.

Er musste jetzt schauen, warum alle anderen keine Beweise gefunden hatten, wo Fehler gemacht wurden, wo die Lösung lag. Vielleicht gab es ja gar keinen Fall. Es gab Fälle, da dichteten die Partner ihrem früheren Lebensgefährten einfach etwas an, um sich zu rächen oder Geld herauszuschlagen.

Nur fühlte sich das in diesem Fall nicht so an.

Das Verletzungsbild und die Aussagen des Kindes deuteten darauf hin, dass die Informationen durchaus der Wahrheit entsprechen könnten. Leider ließ sich das nie mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Auch Kinder ließen sich manipulieren oder verletzten sich manchmal selbst.

>> Ja, bitte? << Schon wieder ein anonymer Anruf. Keine Reaktion. Er legte auf.

Am besten konnte er nachdenken, wenn er nicht darüber nachdachte. Er fing an einige Berichte abzuarbeiten, Rechnungen zu schreiben, Rechnungen zu überweisen, sein Büro aufzuräumen.

Erschöpft ging er an diesem Tag gegen Mitternacht ins Bett. Wieder schossen ihm alle möglichen Bilder und Gespräche, Telefonate, alles, durch den Kopf.

Gegen 01:30 Uhr stand er wieder auf, setzte sich ins Büro und nahm sein Notizblock heraus. Hier war es. Der Fehler. Nachdem er die Lösung sah, verfiel er in einen friedlichen Schlaf.

>> Wann passt es ihnen am besten, ich könnte mich übermorgen mit ihnen treffen. <<

Am übernächsten Tag stieg sie in seine mobile Einsatzzentrale.

>> Ich glaube, es gibt einen Weg, wie wir zumindest nachweisen können, ob ihre Aussagen und die ihres Kindes der Wahrheit entsprechen. <<

Sie schaute ihn vorwurfsvoll an.

Er blieb gerne objektiv, auch wenn er als Ermittlungsdienstleister immer von einer Partei bezahlt wurde.

Er schilderte ihr seinen Plan in allen Details. Langsam verstand sie, warum es anfänglich nur über den Nachweis ihrer Glaubwürdigkeit und der des Kindes zu lösen sei.

>> Man kommt über diesen Weg viel näher an IHN heran. Verstehen sie? <<

Sie verstand. Sie war einverstanden, auch mit der nicht abzuschätzenden Ermittlungsdauer. Endlich schien sich wirklich jemand um ihr Problem kümmern zu wollen.

>> Sie werden jetzt sehr häufig mit mir in Kontakt stehen. Ich werde viele Fragen haben. <<

Eine Ermittlung ist etwas sehr Dynamisches. Viele Informationen passen oftmals erst nach der genauen Erklärung durch eine involvierte Person in ein Gesamtbild. Durch den ständigen Informationsaustausch mit einem Kunden ergeben sich sehr schnell neue Ansatzpunkte, die meist schnell zur Lösung eines Falles beitragen können.

Wochen vergingen.

Während der Ermittlungen hatte sich herausgestellt, dass die Kundin die Wahrheit gesagt hatte. Das Verhalten des Kindes, die Erzählungen und schriftlichen Schilderungen waren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Ursache eines Missbrauchs, so das psychologische Gutachten.

Wann tut er es wieder?

Trotzdem blieb das Problem, dass niemand in der Nacht dabei sein konnte, wenn das Kind bei IHM war, wenn er Umgang hatte.

Sicher gab es unzählige „Möglichkeiten“ das Kind zu verwanzen oder den Raum zu überwachen. Doch es wäre erstens rechtswidrig und die Folge daraus, die Kundin würde im Nachhinein mehr Probleme haben als aktuell. Und der Detektiv, könnte abschließen, er würde über eine lange Zeit 3 Mahlzeiten am Tag serviert bekommen.

Nur.

Bei den Beobachtungen hatte sich ein völlig anderes Bild ergeben, widersprüchlich zu den Gutachten und Informationen. Auch im legendiertem Direktkontakt zu IHM ließen sich die Anzeichen nicht verdichten. ER war zwar auf die Legende angesprungen, bislang gab es dabei aber keine Ergebnisse.

Konnte ER es so gut verschleiern?

Der Detektiv rief einen alten Kontakt an, der früher schon für ihn recherchiert hatte und gab ihm den Auftrag tiefer in die Vergangenheit einzutauchen.

Eine weitere Observation des Verdächtigen erschien wenig sinnvoll. Es blieb nun mal das Hindernis, dass niemand wusste, was hinter geschlossener Tür vor sich ging. SEIN normaler Alltag war dokumentiert. Es gab dabei nichts Widersprüchliches, was allerdings wieder ein Hinweis war.

Alles war viel zu glatt. Zu viel heile Welt. Zu viel Normalität.

Vielleicht ergab sich aus SEINEM Vorleben ein Hinweis. Irgendwo hatte jeder eine „Leiche im Keller“.

>> Ich hab was für dich. Wann kommst du vorbei? <<

Er hasste diese Geheimnistuerei. Was haben. Was? Einen Einkaufszettel oder Bier? Gut. Er saß im Auto, auf dem Weg zu seinem Kontakt.

>> Also, du machst es ja wieder spannend…. <<

>> Berufskrankheit, du weißt, was ich früher gemacht habe. Ich traue niemanden. Und du weißt, wir werden abgehört. <<

Verfolgungswahn, dass musste es sein, dachte der Detektiv. Aber die frühere Tätigkeit seines Kontaktes lehrte ihn eines Besseren. Als ehemaliger Mitarbeiter eines Informations- und Nachrichtendienstes wusste er was und wann etwas mitgehört bzw. geschrieben wurde.

>> Erzähl. Ich bin gespannt. >>

>> Also. Du hattest recht. Vater und Mutter waren kein unbeschriebenes Blatt… <<

Er hatte seinen Ansatz. Endlich.

Die nächsten 6 Monate waren trotzdem kein leichtes Unterfangen. Zwar lagen nun eindeutige Hinweise vor, doch es musste alles noch gerichtsverwertbar dokumentiert werden.

Die gut ausgebaute Legende wurde wieder aufgegriffen. Das Kind hatte den nächsten Umgang bei ihm.

Und es passierte.

>> Hallo. Es ist vollbracht. <<

Die Kundin wirkte beim Abschlussgespräch überglücklich. Er übergab ihr den Ermittlungsbericht, der mittlerweile über 50 Seiten zählte.

>> Dann hoffen wir mal, dass ihr Anwalt und das Gericht die Sache genauso sieht wie wir… <<

P.S. Die Geschichte ist möglicherweise frei erfunden. Mögliche Parallelen oder Übereinstimmungen mit Fällen oder Personen sind rein zufällig.

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